Deutsche Kanzler
Art.Nr.: 2863
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AudioAkademie: Deutsche Kanzler
Autor: Wolfgang Niess
Sprecher: Hans-Peter Bögel, Wiebke Gröndahl, Wolfgang Niess, Arnold Richter, Volker Spahr, Charles Wirths
Umfang: 3 Audio-CDs, ca. 200 Minuten
Thema: Geschichte
Als „cancellus“ hat man im Mittelalter die Schranke in der Kirche bezeichnet, die den Geistlichen vom Laien trennt. Aus dem Geistlichen in Kanzleifunktion wird der politisch tätige Kanzler, ein Verwalter von Regierungsgeschäften, wie sie der erste deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck für seinen Dienstherrn Wilhelm I. ausübt. Er steht am Anfang einer Hörfolge von sieben Politikern, die dieses Amt teils mit, teils ohne Fortune ausfüllen. In solchen Personen wird die Zeit, in der sie gelebt haben, lebendig.
Bismarck ist zweifellos das Urbild in diesem Amt, er prägt das 19. Jahrhundert in Deutschland. Bethmann-Hollweg gilt als wohlmeinender Politiker, dem Entscheidendes dennoch nicht gelingt. Stresemann erweist sich als überraschender Glücksfall in der Weimarer Republik, durch ihn gewinnt Deutschland kurzzeitig an innerer Stabilität und äußerer Integrität. Mit Brüning ist bereits der Weg zu Hitler markiert, der in den Wirren der ersten deutschen Republik gerade wegen seiner unverhohlenen radikalen Gesinnung als ministrabel gilt. Mit Adenauer und Brandt werden zwei Politiker porträtiert, die auf je unterschiedliche Weise eine große persönliche Integrität in die Waagschale zu werfen hatten.
Eine spannende Hörserie über die wichtigen Figuren des politischen Lebens vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik!
Zum Inhalt:
CD 1:
1 | Otto Fürst von Bismarck
Als 1871 in Versailles darüber verhandelt wird, welchen Titel der deutsche Kaiser zukünftig führen solle, sagt Bismarck in seiner manchmal derben Art: "Ich wüsste nicht, was mir mehr Wurscht sein könnte." 1862 von Kaiser Wilhelm zum preußischen Ministerpräsidenten und Außenminister ernannt, regiert er zunächst ohne genehmigten Etat gegen die Liberalen, um ab 1867 als Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes mit ihnen zusammenzuarbeiten. Nach dem Sieg von Sedan verhandelt Bismarck mit den süddeutschen Staaten, die dem Norddeutschen Bund beitreten, der sich von da an Deutsches Reich nennt. 1871 wird Bismarck Reichskanzler, ohne das Amt des preußischen Ministerpräsidenten aufzugeben. Der kernpreußische Junker geht durch die ihm eigene Gabe, knochentrockenen Pragmatismus mit visionären Ideen prinzipienfest verbinden zu können, als "Eiserner Kanzler" in die Geschichte ein.
2 | Bethmann-Hollweg
Als Bethmann-Hollweg das Amt des deutschen Reichskanzlers 1909 antritt, steht er vor schwierigen Problemen. Das preußische Dreiklassenwahlrecht ist überholt, die Reichsverfassung veraltet, und die militärische Führung besitzt zuviel eigenständige Macht gegenüber dem Reichstag. Keinen dieser Punkte kann Bethmann-Hollweg während seiner achtjährigen Amtszeit klären. Nach den Schüssen von Sarajewo am 28. Juni 1914 versucht Bethmann-Hollweg den Frieden zu erhalten. Doch während er verhandelt, sichert der deutsche Generalstabchef Moltke bereits seinem österreichischen Kollegen militärische Unterstützung zu. Erfolglos versucht Bethmann-Hollweg weiterhin im Verlauf des 1. Weltkriegs Friedensverhandlungen zu führen. Zu den Reformen, die er noch 1917 ankündigt, kommt es nicht mehr, denn die heimlichen Führer des Reichs, Hindenburg und Ludendorff, bewirken seine Entlassung.
3| Stresemann
Gustav Stresemann ist zwar nur 100 Tage Reichskanzler, doch diese 100 Tage sind von Unruhen und Krisen geschüttelt. Von August bis November 1923 kommt es zu mehreren Putschversuchen. Stresemann hält stand; er beendet die Inflation durch die Einführung der Rentenmark und hebt den passiven Widerstand gegen die französische Ruhrbesetzung auf. Als die SPD aus der großen Koalition ausscheidet, tritt er vom Kanzleramt zurück, bleibt jedoch bis zu seinem Tod 1929 Außenminister. Er ist ständig bemüht, in außenpolitischen Verhandlungen die Stellung Deutschlands, etwa durch Aufnahme in den Völkerbund, gegenüber seinen Nachbarn zu normalisieren. Dabei spricht er sich für eine Ächtung des Krieges als Mittel der Politik aus. 1926 erhält er den Friedensnobelpreis. Er wird in bewegter Zeit zu einem Garanten der Befriedung nach innen und des Verständigungswillens nach außen.
CD 2:
4 | Brüning
Steuererhöhung und Ausgabenkürzung, das waren die Mittel, mit denen Reichskanzler Brüning bei seinem Amtsantritt im Jahr 1930 die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Deutschland zu begrenzen versucht. Dabei behindert ihn nicht nur die Abhängigkeit vom greisen Hindenburg, der ihn erst eine koalitionsunabhängige Minderheitsregierung erstellen lässt, um ihm zwei Jahre später überraschend das Vertrauen zu entziehen, sondern auch die politische Radikalisierung der Rechten. Noch im Mai 1932 fordert er in einer mitreißenden Rede: "Nur nicht in den letzten fünf Minuten weich werden...1000 Meter vor dem Ziel." Neunzehn Tage später tritt er zurück.
5 | Adolf Hitler
Gern wird vergessen, dass auch Adolf Hitler mit legalen Mitteln zum Reichskanzler wird und mit diesem Posten seine unheilvolle Karriere beginnt. Im Januar 1933 vom damaligen Reichspräsident Hindenburg dazu ernannt, setzt er schon einen knappen Monat später die Grundrechte außer Kraft. Nach dessen Tod übernimmt Hitler auch das Amt des Reichspräsidenten. Er lässt sich von nun an Führer und Reichskanzler nennen und die Armee in seiner Funktion als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht auf sich vereidigen. Beginnend mit dem Reichstagsbrand kommt es innerhalb weniger Monate durch Notverordnung und Ermächtigungsgesetz zur Gleichschaltung von Parteien, Gewerkschaften und Ländern. Die einmal mit der Einheitspartei NSDAP errichtete Macht festigt Hitler nach innen durch den Terror der Geheimen Staatspolizei und SS. Außenpolitisch verfolgt er die Erweiterung des so genannten "Lebensraumes" besonders in Richtung Osten. Spätestens im Jahr 1938 gibt es keinerlei Beschränkung von Hitlers persönlicher Macht mehr. Aus dem Reichskanzler ist der grausamste Tyrann der Weltgeschichte geworden.
CD 3:
6 | Konrad Adenauer
Konrad Adenauer ist schon in der Weimarer Republik politisch aktiv. In der Zeit des Nationalsozialismus wird er mehrfach festgenommen. Dennoch sind es erst die fünfziger Jahre, die von seinem Namen und seiner Amtsführung als Bundeskanzler geprägt sind. Adenauer spricht gern von drei Wahrheiten, einer fürs Volk, einer für die Regierenden und einer, die er selbst nicht kenne. Bis 1963, also 14 Jahre lang, verbleibt der „Alte“ in dieser Position. Er ist dann schon 87 Jahre alt, doch auch die restlichen vier Jahre bis zu seinem Tod nimmt Adenauer noch aktiv am politischen Leben teil, so dass man sich zu Recht wundert, wie er nebenher noch eine Reihe von Erfindungen machen und Patente anmelden kann. Mit seinem Namen verbinden sich Deutschlands Rückführung in die Völkergemeinschaft und die Aussöhnung mit Frankreich.
7 | Willy Brandt
Bezeichnenderweise war der Kanzler, der die Wiedervereinigung wesentlich mit vorbereitet und sich für die Aussöhnung zwischen den Nationen einsetzt, selbst in vielen Ländern zuhause. 1933 emigriert er nach Norwegen und flüchtet beim deutschen Einmarsch 1940 nach Schweden. Von deutscher Seite ist er schon 1937 ausgebürgert. Zu dieser Zeit hält er sich gerade in Spanien auf, um im spanischen Bürgerkrieg auf der republikanischen Seite zu kämpfen. Als er 1969 das Amt des Bundeskanzlers übernimmt, stellt er seine Regierungserklärung unter das Motto "Mehr Demokratie wagen". Zu Fall bringt ihn fünf Jahre später der DDR-Spion Guillaume. Zu dieser Zeit ist er bereits mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Neben seinem Wirken bleiben symbolische Gesten, wie der Kniefall in Warschau, in Erinnerung.
Regie: Carola Preuß
Redaktion: Bernd H. Stappert
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